Anne Frank ist mit große Wahrscheinlichkeit einer der Namen, den man in vielen Ländern der Welt kennt; es ist einer der Namen, der die Vorstellungen über die Shoa maßgeblich mit moduliert hat. Dies bedeutet jedoch nicht zugleich, dass auch der Text ihrer Tagebücher unbedingt zwingend bekannt ist. Vielmehr ist Anne Frank frühzeitig zu einem Sinnbild für das Ereignis, zum „Phänomen“ (David Barnouw) geworden, das sich zunehmend vom eigentlichen Inhalt ablösen konnte.

Doch galt diese exponierte Stellung in gleichem Maße auch für die ehemalige DDR? Welcher Stellenwert wurde den individuellen und persönlichen Tagebuchnotizen einer heranwachsenden Jugendlichen dort beigemessen?

Bekanntermaßen hatten die politischen Bedingungen des Kalten Krieges entscheidende Auswirkungen auf die Erinnerungskonzeptionen beider deutscher Teilstaaten und beeinflussten die gesellschaftlichen Narrative zum Nationalsozialismus, dem Zweiten Weltkrieg und der Vernichtung der europäischen Juden nachhaltig. Dies wiederum wirkte sich maßgeblich auf die Publikationsstrategien der ehemaligen DDR aus, wo ein komplexes Geflecht aus individuellen Entscheidungen – sowohl auf politischer als auch verlegerischer Seite –, Erinnerungspolitik sowie dem Tagesgeschehen und politischen Leitlinien die Rahmenbedingungen vorgab.

Die Strukturierung des Machtapparats in der DDR ermöglichte es, die Medien, darunter auch das Verlagswesen, politisch-funktional zu steuern. Der Stellenwert der Literatur war in der DDR-Gesellschaft hoch, sie „hatte beträchtliche Möglichkeiten, auf Menschen zu wirken – und gleichzeitig waren diese Möglichkeiten kanalisiert, beschränkt, beschnitten durch die Zensur und andere repressive Maßnahmen, später sogar durch umfassende geheimdienstliche Überwachung.“ (Wolfgang Emmerich)

Inwiefern gerieten nun Anne Franks Tagebücher in diesen Strudel?

In der Forschung ist inzwischen hinreichend nachgewiesen, dass die Behauptung, die Existenz der Shoa war während des Bestehens der DDR ein Tabu, der Komplexität der Erinnerungspolitik nicht gerecht wird. Auch wenn die Erinnerung an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus als offizielle Festakte erst spät in Ostdeutschland institutionalisiert wurden, so bot doch gerade die Literatur einen zusätzlichen, mithin öffnenden und mitunter subversiven Diskurs, der Raum gab für die jüdischen Opfer – auch wenn dies immer an die politischen Maßgaben rückgebunden sein musste. (Schmid) Aufgewachsen in der ehemaligen DDR und lehrplanmäßig früh über die Heldentaten der Antifaschisten informiert, außerdem an einer Schule unterrichtet, die nach einer für das Widerstandsnarrativ wichtigen Person, nach Ernst-Thälmann, benannt war, stellte sich mir die Frage, inwiefern es möglich (oder auch vorgesehen) war, sich mit Anne Franks Tagebüchern in der DDR zu beschäftigen, ob sie zu einem ähnlichen Sinnbild für das Leiden der europäischen Juden wie in Westdeutschland wurde und unter welchen Umständen dies eventuell möglich geworden war.

Jene Bedingungen möchte ich also nachzeichnen, die eine Veröffentlichung der Tagebücher dieses Amsterdamer Mädchens, die auf den ersten Blick nicht in das gängige Narrativ passen, in der DDR möglich gemacht haben. Es sollen die Ereignisse und Umstände, derer es bedurfte, um das Theaterstück zu inszenieren, die Tagebücher und einen Dokumentarfilm samt begleitendem Dokumentarband zu publizieren, aufgezeigt werden, um die Verquickung von literarischer Sphäre und politischer Ideologie deutlich zu machen. Einen zweiten Ansatzpunkt für meine Forschungen bieten dabei die Schulbücher der ehemaligen DDR: In welcher Klasse, unter welcher Rubrik wurden welche Auszüge aus den Tagebüchern in den Lehrplan aufgenommen? Da die Bildung für das gesamte Staatsgebiet einheitlich geregelt und damit die Lehrpläne überall identisch waren, ermöglicht ein Blick in damalige Lehrwerke Aussagen, ob, inwiefern oder wann Anne Frank Teil des Lehrplans war. Auch wenn man berücksichtigt, dass hinter geschlossenen Klassenraumtüren innerhalb enger Grenzen Raum für individuelle Einflussnahmen (John Rhodden) blieb, zeigten sich dabei doch die Besonderheiten der Rezeption.


David Barnouw, Das Phänomen Anne Frank, übers, v. Simone Schroth, Essen 2015.

Wolfgang Emmerich, Kleine Literaturgeschichte der DDR, Leipzig 1996².

John Rodden, Textbook Reds. Schoolbooks, Ideology, and Eastern German Identity, Philadelphia 2006.

Harald Schmid, Antifaschismus und Judenverfolgung. Die „Reichskristallnacht“ als politischer Gedenktag in der DDR, Göttingen 2004.