In der Debatte um das Lichtenberg-Kolleg geht es auch um Geld.

Über Geld kann man reden — das war der letzte Satz meiner schriftlichen Antwort auf die Mitteilung des Göttinger Universitätspräsidiums vom 9. November 2020 über die Aufhebung des Kollegs.

 

Die Finanzierung akademischer Institute ist nie so ganz einfach und das gilt auch für das Kolleg. Akute Finanznot, wie die der Universität Göttingen, erfordert Sparen — und, als Teil dieser Universität, gilt das ganz selbstverständlich auch für das Kolleg. Grob gesagt ist es so, dass, wenn man das Team des Kollegs nicht sofort auf die Strasse setzt und die bestehenden Verpflichtungen honoriert, ab 2024 etwa € 450’000 pro Jahr gespart werden können. Dann bleibt inhaltlich aber nichts mehr übrig. Die Forschungsgruppe über Aufklärung und Kolonialerbe, das Moritz Stern Fellowship Programm in Modernen Jüdischen Studien und auch der Anteil des Kollegs am internationalen Anne Frank Forschungsprojekt sitzen damit auf der Strasse.

 

Nun sind die internationalen Fellowship Programme in der Aufklärungsforschung und in Jüdischen Studien inhaltlich und kulturell vielleicht nicht irrelevant. Finanziell sind sie relativ preiswert. Das Anne Frank Forschungsprojekt wurde bisher fast vollständig extern finanziert. Die Göttinger Universität hat in den vergangenen Jahren etwa € 190’000 für das Projekt bekommen. Das Kolleg bietet die notwendige internationale Forschungsstruktur und vielseitige akademische Kultur für das multidisziplinäre Anne Frank Projekt.

 

Wenn Göttinger Universitätssenat und niedersächsische Politiker diese Projekte nun doch retten möchten, würde das für das Moritz Stern Fellowship Programm und die Anne Frank Forschung in den kommenden zwei, drei Jahren insgesamt etwa € 130’000 pro Jahr kosten — auch dank der Unterstützung der Göttinger Akademie der Wissenschaften, die das Moritz Stern Programm mitbegründet hat und bis 2027 mitfinanziert. Moritz Stern (1807-1894) war übrigens der erste jüdische Ordinarius an einer großen deutschen Universität, nämlich Göttingen, und ein Vorfahre von Anne Frank.

 

Eine kleine Forschungsgruppe über das Kolonialerbe der Göttinger Aufklärung und wie man damit politisch und ethisch umgehen sollte, mit nur drei Early Career Fellows (aber ohne Senior Research Fellows) würde etwa € 100’000 pro Jahr kosten.

 

Was letztlich gerettet wird, werden die Gespräche innerhalb der Universität und in der niedersächsischen Landespolitik zeigen. Rechtlich steht uns Prof. Dr. Dr. h.c. Ulrich Battis, Experte in Wissenschaftsrecht, öffentlichem Dienstrecht und Verwaltungsreform et al. ab jetzt zur Seite.

 

Für Anne Frank, und auch für Moritz Stern und die Göttinger Aufklärung geht es nicht so sehr um viel Geld, sondern um die Würdigung des historischen Erbes und den Erhalt der einzigartigen kosmopolitischen Forschungskultur und -struktur, die das Lichtenberg-Kolleg bietet. Warum diese relativ kleine aber besondere internationale Institution unbedingt, in Eile und beinahe diskussionslos aufgehoben werden muss, ist bis jetzt unklar. Ob und wie niedersächsische Universitäten sparen müssen, ist umstritten. Das entscheidet die Politik. Eins soll aber allen klar sein. Es geht hier um mehr als das gute Geld. Es geht um Dialog, Geschichte, Kultur und die gemeinsame konstruktive Gestaltung der Zukunft.

 

 

Martin van Gelderen,

Lichtenberg-Kolleg, Direktor.